„Schaulustige“ und „Partyvolk“

In den vergangenen Tagen und ganz explizit bei der Pressekonferenz der Polizei am Sonntag (09.07.2017) waren immer wieder die Begrifflichkeiten „Gaffer“, „Schaulustige“ und „Partyvolk“ zu lesen und zu hören. Sie würden die Arbeit der Polizei behindern, seien aber unpolitisch, würden aus Trunkenheit Rufe wie „Ganz Hamburg hasst die Polizei“ skandieren, seien die Eventisierung der Krawalle in Person. Auch die Demonstrierenden scheinen diese Auffassung zu teilen, wenn sie Umstehende dazu auffordern, sich der Demonstration anzuschließen, statt nur zu gaffen.

Als Teilnehmerin und Zuschauerin diverser Proteste in der vergangenen Woche habe ich die Situation anders wahrgenommen. Mit dem Massencornern am Dienstag, 04.07.2017, wurde das Rumlungern, das Biertrinken, das Raumeinnehmen zu einem politischen Statement: Wir lassen uns den Raum nicht von der Polizei und dem Gipfel nehmen! Die Polizei reagierte entsprechend mit der Auflösung der friedlichen Zusammenkunft durch den nicht gerechtfertigten Wasserwerfereinsatz.

Ich wollte mir in dieser Woche mein Recht auf Versammlungsfreiheit nicht nehmen lassen, hatte aber genauso wenig Lust, mich 3 Tage lang von der Polizei verprügeln zu lassen. Ging ich zu einer Veranstaltung, die durch den Einsatz von Wasserwerfer, Tränengas und / oder schubsender Hundertschaft aufgelöst wurde, stellte ich mich an den Rand. Ich wollte nicht zurück auf die Straße, um nicht Opfer der Polizeigewalt zu werden. Ich wollte mich jedoch auch nicht von der Polizei nach Hause schicken lassen.

Die Begriffe „Gaffer“ und „Schaulustige“ sind undifferenziert. Unter diesen waren auch Menschen, die in Hamburg leben und ihren Raum einnahmen, Menschen, die aus Demonstrationen zur Seite gedrängt wurden und Menschen, die in Blogs, auf twitter oder facebook die Polizeigewalt dokumentierten. Anstatt der Stadt eine moralische Ausgehsperre aufzuerlegen, sollten wir fragen, was sich in diesen Situationen neben der politischen Auseinandersetzung noch gezeigt hat.

Die riots von Freitag Nacht erfordern sicherlich eine andere Auseinandersetzung, die an anderer Stelle passieren soll. Für die meisten Proteste ist für mich jedoch klar: In Hamburg gab es in der vergangenen Woche keine „Unbeteiligten“ mehr. Menschen gingen entweder raus, oder sie blieben drinnen bzw. mieden die entsprechenden Gebiete. Das Rausgehen und Abhängen an sich wurde zu einer politischen Handlung. Wer nicht demonstrieren oder blockieren konnte oder wollte, cornerte – die ganze Woche.

Meiner Einschätzung nach ist es die Wut auf Polizei und System derer, die seit Wochen und Monaten oder sogar Jahren die Schikane der Polizei ertragen, angefangen mit rassistischen Kontrollen auf St.Pauli bis hin zu dem Fakt, das seit dem 28. März 2017 vielen Bewohner*innen Polizeiwagen mit durchgehend laufenden Motoren direkt vor der Haustür standen. Die meisten dieser „Gaffer“ hassen die Polizei vermutlich wirklich. Nicht genug, um Steine zu werfen, aber genug, um daneben zu stehen und „Ganz Hamburg hasst die Polizei!“ zu rufen.

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Polizei an den Landungsbrücken, 07.07.2017

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